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Grenzenlos

Titelthema - Grenzenlos
Dimitroffstraße/Schönhauser Allee, 2019, Berlin-Prenzlauer Berg © Harald Hauswald

Die alten Beziehungen zwischen Braunschweig und Magdeburg hatte die Mauer beinahe zerstört. Auch durch Rotarier blühten alte Freundschaften wieder auf.

Armin Maus01.10.2020

Als die Mauer fiel, wuchs zwischen Braunschweig und Magdeburg zusammen, was zusammengehört. Die willkürliche, gewaltsame Teilung hatte zwei große, historisch bedeutende Städte und ihr Umland auseinandergerissen. Braunschweig und Magdeburg waren über den Kaufmanns- und Städtebund der Hanse verbunden gewesen, es gab starke familiäre Verbindungen zwischen beiden Städten. Sie liegen kaum 90 Kilometer voneinander entfernt – und während sich Braunschweig und Hannover traditionell reserviert begegnen, waren die Beziehungen zu Magdeburg stets von Sympathie getragen. Der RC Braunschweig, ältester Rotary Club der Stadt, wurde 1931 aus dem Rotary Club Magdeburg gegründet.

Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Beziehungen, in Jahrhunderten zum beiderseitigen Nutzen gewachsen, hatten schon lange vor dem Mauerbau unter dem Vorbehalt einer Duldung durch ein unduldsames Regime gestanden. Der Eiserne Vorhang zerstörte den letzten Rest von Normalität.

Die Präsidentin des Landestages von Sachsen-Anhalt, Gabriele Brakebusch, zog nach ihrer Heirat in den 70er Jahren in die Heimat ihres Mannes an der innerdeutschen Grenze. Der Braunschweiger Zeitung berichtete sie, wie das war: „Meine erste Nacht in Harbke war 1973. Ich erinnere mich noch gut, dass ich damals des Nachts aufwachte und meinen Mann fragte: Habt ihr Wölfe hier? Die jaulen ja die ganze Nacht. Mein Mann antwortete: Das sind keine Wölfe, das sind die Kettenhunde der DDR-Grenzsicherungstruppen.“ Es ist eine Erinnerung, die sie bis heute nicht loslässt: „So gerne ich manchmal alles wegwischen würde, das kann ich nicht.“

Der kleine Grenzverkehr und die „Fünf-Kilometer-Zone“ entlang der Grenze erleichterten den Menschen das Miteinander. Aber für die Großstädte blieb es bei der Trennung, in aller Konsequenz und Brutalität. Gabriele Brakebusch sagt: „Auch nach so vielen Jahren ist das für mich immer noch ein Gottesgeschenk, dass wir den Wegfall der innerdeutschen Grenze erleben durften. Heute verbindet die Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt zwei Bundesländer miteinander, heute ist es ein Leichtes, diese Grenze zu überschreiten. Wenn wir von Helmstedt nach Harbke rüberfahren, denken wir dennoch: Hier war mal die trennende Grenze. Das bleibt in den Köpfen meiner Generation. Wir haben gedacht, die Grenzöffnung kommt nie in unserem Leben, aber sie ist tatsächlich gekommen.“

Brakebusch war mit ihren Zweifeln nicht allein. Viele konnten sich nicht vorstellen, dass es jemals wieder ein einiges Deutschland geben würde. Heute wissen wir, dass die DDR in den 1980er Jahren auf tönernen Füßen stand. Krasse Misswirtschaft hatte die Basis des kommunistischen Regimes und seines Staates zersetzt. Aber noch wenige Jahre vor der Wende hätten die meisten geschworen: Mit dieser DDR müssen wir leben.

Der frühere Braunschweiger Oberbürgermeister und spätere niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Glogowski gehörte zu denen, die sich Ende der 1980er Jahre nicht mehr mit der Trennung abfinden wollten. Der SPD-Politiker kann anschaulich erzählen, unter welch schwierigen, konspirativen Umständen die Partnerschaft gestiftet wurde. Das Raffinement der Methoden, mit denen Kommunikation und Geschenke an den Stasi-Aufpassern vorbeigeschleust wurden, hätte Spionage-Altmeister John LeCarré vermutlich beeindruckt. Eine Studie des Berliner Juristen Enrico Rennebarth förderte viele Jahre später zutage, wie tief die Partnerschaft von den DDR-Behörden unterwandert war. In den Stasi-Akten fand er Belege, aus denen hervorgeht, dass die Delegationen beider Städte mit Spitzeln durchsetzt waren – die DDR hatte große Mühe darauf verwandt, auch in der westdeutschen Großstadt Zuträger anzuwerben. Am Text der Partnerschaftsvereinbarungen schrieben demnach Kräfte aus dem Umfeld von Stasi-Chef Mielke mit.

Und dennoch entstand eine vitale Partnerschaft, die zu vielfältigem kulturellem und sportlichem Austausch führte. Sie führte Menschen zusammen, die die SED-Bonzen lieber voneinander getrennt gesehen hätten. Dieser unter schwierigsten Umständen gelungenen Wiederbegründung der Städtefreundschaft ist es zu verdanken, dass nach dem Fall der Mauer wieder so etwas entstand wie die Selbstverständlichkeit freundlicher Nachbarschaft. Braunschweig leistete Hilfe beim Aufbau einer demokratischen Verwaltung, die wirtschaftliche Zusammenarbeit entwickelte sich. Die Städtepartnerschaft wird an Festtagen bis heute mit Ernst und Freundlichkeit gepflegt.

Die Fans des 1. FC Magdeburg und der 70 Jahre älteren Braunschweiger Eintracht entwickelten für eine Weile sogar eine regelrechte Freundschaft. Diese Freundschaft allerdings, so beklagen Fans in ihren Internetforen, sei eingeschlafen. Es gebe kaum noch Kontakt. Diese Entwicklung ist vielleicht nicht untypisch für eine Beziehung, die nach der Grenzöffnung mit Überschwang und Freudentränen begonnen hatte. In den Tagen der Grenzöffnung erlebte die Stadt Heinrichs des Löwen Szenen herzlicher Verbrüderung, die den letzten Stubenhockern, in Braunschweig nennt man sie „Huckeduster“, klarmachten: In diesem Moment wird Geschichte geschrieben.

Euphorie hält nie lange. Und dennoch mag es erstaunen, wie schnell die Abkühlung kam. West-Unternehmen wechselten, gelockt vom Fördergeld im Osten, über die Grenze. Für Braunschweig, das am Zonenrand keineswegs auf Rosen gebettet und weit von seiner heutigen Wirtschaftskraft zwischen Volkswagen und Spitzenforschung entfernt war, eine schmerzliche Erfahrung. Und auch auf der sachsen-anhaltinischen Seite blieb manche Erwartung an „Deutschland einig Vaterland“ unerfüllt – das West-Ost-Gefälle besteht bis heute.

Verbindungen wuchsen aber durch Menschen, die nach der Grenzöffnung Magdeburg und die Börde verließen, um ihre berufliche Zukunft im Westen zu suchen, und durch solche, die im „Aufbau Ost“ den gegenläufigen Weg gingen. Mild fließend, wie es die Landschaften zwischen Braunschweig und Magdeburg sind, ist Normalität gewachsen. Mit großer Selbstverständlichkeit fahren Sachsen-Anhaltiner von Salzwedel aus nach Wolfsburg, um beim weltgrößten Autobauer zu arbeiten. Junge Leute studieren in Niedersachsen oder Sachsen-Anhalt – die Grenze, die einmal die am schwersten zu überwindende in Europa war, spielt für sie keine Rolle mehr.

Vielleicht ist die Selbstverständlichkeit schon zu groß geworden. Die Grenzen zwischen entspannter Nachbarschaft und Gleichgültigkeit sind fließend. Gelegentlich wünschte man sich mehr Austausch, mehr Diskussion, mehr aktive Suche nach dem Gemeinsamen. Die Rotary Clubs tun viel dafür, dass der Wert des Geschenks der Einheit erlebbar bleibt. Es mag ein besonders glücklicher Umstand sein, dass der Distrikt 1800 ein gesamtdeutscher ist. Bad Pyrmont gehört dazu wie Dessau, Halle wie Hannover.

Governor Dietmar Bräuer vom RC Bernburg-Köthen, im Osten geboren, im Westen aufgewachsen und ausgebildet, kam durch seinen Beruf nach Sachsen-Anhalt. Zum Miteinander zwischen Ost und West sagt er: „Da viele Clubs im Osten durch Clubs aus dem Süden, Norden, Westen gegründet worden sind, ergab sich automatisch ein intensiver Austausch und ein intensives Kennenlernen. Und dies über alle Branchen, Berufe, Lebenserfahrungen unterschiedlichster Art hinweg. Bei fast allen besteht nach wie vor eine enge Freundschaft, die sich ausdrückt in gegenseitigen Besuchen und Unternehmungen. Und aus rotarischen Freundschaften sind vielerorts persönliche Freunde geworden.“

Die verbindende Kraft Rotarys

Im persönlichen Austausch erschöpft sich die Rolle von Rotary nicht. „Es gibt eine ganze Reihe gemeinsamer Projekte. Insofern hat Rotary auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze erheblich zu einem gemeinsamen Verständnis beigetragen.“ Eine Umfrage des im Distrikt für Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Ralf Leineweber vom RC Celle ergab eine lange, beeindruckende Liste der Gemeinsamkeit, deren Aufzählung leider – oder glücklicherweise – hier die Platzmöglichkeiten übersteigt. Dabei ist die unmittelbare Nachbarschaft offensichtlich keine notwendige Bedingung, wie die Zusammenarbeit des RC Dessau und des RC Hildesheim-Rosenstock zeigt.

Rotary verbindet. Was nicht heißt, dass schon alle Chancen ausgeschöpft wären. Deutsche Einheit ist eine Daueraufgabe, die ernst genommen werden will. Die Überbleibsel der willkürlichen, widernatürlichen Trennung in den Köpfen und Herzen können nur gemeinsam überwunden werden.