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Titelthema

Vergeudet nicht die Krise!

Titelthema - Vergeudet nicht die Krise!
© Illustration: Thomas Fuchs

Eine Rückkehr zum „Business as Usual“ kann keine Option sein, sonst wird die nächste Krise ungleich härter zuschlagen. Ein Appell.

Susan George01.05.2020

Liebe Rotarier der Rotary Clubs von Deutschland und Österreich, liebe Freunde,

als Björn Lange, Stellvertretender Chefredakteur, mich bat, einen Artikel für Ihre Zeitschrift zu schreiben, war ich aus gutem Grund überrascht und erfreut.

Erstens aufgrund einer persönlichen Verbundenheit: Im Jahr 1914 war mein Großvater einer der 31 Gründungsmitglieder des Rotary Club von Akron, Ohio, und die Aktivitäten des Clubs waren seine bevorzugten Gesprächsthemen. Mein Vater war Zeit seines Lebens ein Rotary-Mitglied. Zweitens weiß ich, dass Rotarier aus zahlreichen Berufsgruppen und Kulturkreisen kommen und vielleicht unterschiedliche Standpunkte vertreten, jedoch nachdenkliche Menschen sind, vereint in guter Gesprächskultur und im Prinzip der Fürsorge.

Dies ist der Grund, weshalb ich mir die Freiheit nehme, Ihnen anstatt eines Zeitschriftenartikels einen Brief zu schreiben. Ich kann mir vorstellen, dass viele von Ihnen eine völlig andere Meinung als ich selbst vertreten, andererseits werden Sie jedoch verstehen, dass Freunde unterschiedlicher Meinung sein können und in diesen schwierigen Zeiten eine klare Wahrnehmung der Realität und eine ehrliche und offene Diskussion für uns alle das Wichtigste sind.

Was kommt nach Corona?

Da ich diesen Brief in der ersten Aprilwoche schreibe, könnte ich mit Ihnen wetten, dass die Antwort nahezu jeder Person, der diese Frage gestellt wird, „schnellstmöglich zur ‚Normalität‘ zurückkehren“ lautet. Schön und gut, was den eigenen persönlichen und privaten Alltag anbetrifft. Niemand möchte gern eingesperrt sein, oft ohne Freunde oder Familie, und sich Sorgen machen um die Menschen, die man liebt. Was jedoch die weiterreichenden Fragen im Hinblick auf die Gemeinschaft, die Arbeit, die Gesellschaft und die Umwelt betrifft, möchte ich eine gegenteilige Antwort geben: Was wir auch immer tun werden, wir dürfen nicht in die Zeiten vor dem Corona-Unheil zurückkehren.

Was unsere Städte, Gemeinden, Länder und die Welt angeht, bin ich ganz bei Churchill, der sagte: „Vergeude niemals eine gute Krise.“ Wer kann sich eine „bessere“ Krise als Corona vorstellen? Nun, ich glaube, dass ich das tatsächlich kann: Eine „bessere“, das heißt, eine weitaus schlimmere Krise steht direkt vor unserer Tür – die irreversible Klimaänderung.

Die beste Anleitung zum Nachdenken über das „Nachher“, die ich gelesen habe, kommt von dem quirligen, brillanten französischen Anthropologen, Philosophen und Soziologen Bruno Latour, der die Krise nicht nur als eine tragische, massive, sich schnell ausbreitende Infektion und eine tägliche Verlängerung der Liste der Toten, sondern gleichzeitig als eine ökologische, soziale und politische Gefahr für die Grundlagen unseres täglichen Lebens sieht. Das „Normale“, das wir anstreben müssen, kann nicht dasjenige von heute sein.

Nachstehend seine aus dem französischen Original entnommenen und von mir angepassten Fragen: Erstens, welche der Aktivitäten (geschäftliche oder ökonomische Praktiken, Beschäftigungsarten, Unterhaltsquellen), die unterbrochen wurden, sollten nicht wieder zugelassen werden?

Weshalb sind diese Aktivitäten schädlich, überflüssig, gefährlich und/oder inkohärent und welche Erneuerungen/Änderungen würden diese Eigenschaften mindern? Wenn diese Aktivitäten nicht fortgesetzt werden dürfen, wo und wie würden Sie eine Beschäftigung für die Menschen finden, die diese Aktivitäten zuvor ausführten?

Zweitens, welche der wirtschaftlichen Aktivitäten, die derzeit unterbrochen wurden, sollten weiterentwickelt, wiederaufgenommen oder durch andere ersetzt werden (durch was?), und wie kann dies am besten erreicht werden?

Wie können diese Entwicklungen, Neustarts und Ersetzungen unsere soziale, wirtschaftliche oder ökologische Situation verbessern? Wie können Arbeitgeber und Arbeitnehmer neue Fähigkeiten erwerben und neue Wege der Aufrechterhaltung unseres Lebensunterhalts und unseres Einkommens finden, während diese neuen oder verbesserten Aktivitäten geschaffen und weiterentwickelt werden?

Niemand kann für sich alleine Antworten auf all diese Fragen finden, ich würde jedoch sagen, dass Gruppen wie Rotary eine positive Diskussion über Dinge, die erhalten werden sollen und die abgeschafft werden sollen, beginnen können und sollten. Unsere Zukunft hängt davon ab. Corona hat uns gelehrt, dass der Staat unverzichtbar ist. Selbst Frankreich und Deutschland mit den beiden besten Gesundheitssystemen weltweit, stießen an ihre Grenzen. „Just in time“ funktioniert nur, wenn nichts Unvorhergesehenes eintritt, und in den öffentlichen Diensten, insbesondere im Gesundheitssystem, können viele Überraschungen eintreten, wie wir schmerzlich erfahren mussten. Die Einsparungen im Gesundheitswesen in den vergangenen zehn Jahren hatten zur Folge, dass Frankreich bei allen Dingen, die von Pflegekräften und Patienten benötigt werden, beispielsweise Masken, Kittel, Beatmungs- und Testgeräte, mit Knappheit zu kämpfen hatte. In Deutschland erklärte der Virologe Professor Dr. Christian Drosten, dass die Labore in kleinen Krankenhäusern und in ländlichen Gebieten infolge von „Kostenoptimierung“ nahezu verschwunden sind. Es dauert nun einige Tage bis Testergebnisse verfügbar sind.

Meine eigene „Latour-Liste“:

30 Jahre haben wir in einer zunehmend neoliberalen Welt gelebt, in welcher Privatisierung angestrebt und staatliche Eingriffe und Institutionen abgelehnt wurden, die Polizei, die Armee und die Feuerwehr vielleicht ausgenommen. Alles andere sollte den lokalen, nationalen und internationalen Märkten überlassen werden. Das Niveau der Nachfrage und die Höhe der Gewinne bestimmen, was benötigt oder nicht benötigt wird. Insbesondere werden unsere österreichischen Freunde erkennen, dass diese Doktrin direkt auf Friedrich von Hayek zurückzuführen ist, der in seinem berühmten Buch behauptet, dass staatliche Eingriffe der „Weg zu Knechtschaft“ sind. Meiner Ansicht nach ist der Markt für zahlreiche Dinge gut, und Dinge, die sich bewährt haben, sollten beibehalten werden. Niemand möchte die Sowjetunion nachahmen. Wir müssen jedoch öffentlichen Gütern und Dienstleistungen ihren rechtmäßigen Anteil zugestehen, der wesentlich größer ist als derjenige, den sie zurzeit einnehmen. Krankenhäuser sind das offensichtlichste Beispiel, in zahlreichen Ländern benötigen wir zudem mehr Schulen und bessere Schulen mit kleineren Klassen. Benachteiligte Kinder können leicht zurückfallen und zu erwerbsunfähigen Schulabbrechern werden. Die Kids müssen mit (frei verfügbaren) Computern vertraut werden. Vor allem sollten Lehrer besser bezahlt werden. Das monatliche Grundgehalt der Lehrer in Frankreich ist eine Schande, möglicherweise ist es in Ihren eigenen Ländern genauso schockierend.

Keine Frage des Geldes

Dies ist der Punkt, an welchem Menschen guten Willens Ihnen in der Regel sagen, dass diese Verbesserungen schöne Träume sind, jedoch selbst die reichsten Länder nicht in der Lage sind, die aufwendige Finanzierung aufzubringen, die für die Umsetzung dieser Änderungen erforderlich ist. Nicht genügend Geld! Wirklich? Ich bin anderer Ansicht. Die Welt ist überflutet mit Geld, und wir wissen sogar, wo es sich befindet, wir sind jedoch zu schüchtern, um hinauszugehen und es uns zu holen. Erstens haben wir auf nationaler Ebene die Steuern, die offensichtliche Ressource, die in den drei Jahrzehnten des Neoliberalismus zu enormen Ungleichheiten unter den Staatsbürgern beigetragen hat. Zahlreichen jüngeren Staatsbürgern ist gar nicht bekannt, wie viel sich geändert hat. Unter einem republikanischen (konservativen) US-Präsidenten galt in den 1950er Jahren ein Spitzensteuersatz von 90 Prozent. Heutzutage erklärt der Milliardär Warren Buffett, dass er steuermäßig bessergestellt ist als seine Sekretärin. In Europa gingen die Steuersätze für Spitzenverdiener oder für private Vermögen kontinuierlich nach unten oder wurden ganz eliminiert.

Zweitens erklärte das Tax Justice Network, dass ein Betrag zwischen 21 und 32 Billionen Dollar da draußen ist. Wo? In Steueroasen, wo reiche Personen oder reiche Unternehmen ihre gehorteten Gelder deponieren. Zahlen mit zwölf Nullen sind schwer vorstellbar: Versuchen Sie auf den Sekundenzeiger Ihrer Uhr zu schauen und sich vorzustellen, das jede vorübergehende Sekunde einem Dollar entspricht. Dieser Messung zufolge ergeben eine Milliarde Dollar nicht ganz 32.000 Jahre in Sekunden gezählt – eine Vorzeit, in welcher die Menschen gerade damit begannen, Bilder an die Wände ihrer Höhlen zu malen. Multiplizieren Sie dies mit 20 oder 30. Wir schwimmen im Geld, das clevere Banker, Rechtsanwälte und die großen vier Wirtschaftsprüfungsgesellschaften oder „Anbieter von Unternehmensdienstleistungen“ vorsichtig und mehr oder weniger legal in Steueroasen deponiert haben.

Natürlich wollen die Leute von PWC und ihresgleichen nicht, dass Sie wissen, wie viel Geld sich wo befindet, da dies Bestandteil ihrer Jahreseinkünfte im Wert mehrerer Milliarden ist, vielleicht könnten jedoch kluge Rotary-Anwälte und Geschäftsleute in der Zeit nach Corona einen Plan ausarbeiten, der sie zur Offenlegung zwingt. Könnte man vielleicht vorschlagen, dass PWC oder die anderen „Anbieter von Unternehmensdienstleistungen“ im Falle einer Weigerung verstaatlicht würden? Sollten die einfachen deutschen und österreichischen Staatsbürger nicht das Recht haben, über die Geldmengen informiertvzu sein, die ihre Unternehmen undvLandsleute vor den Steuerbehördenvverbergen? Dadurch könnte ganz Europa, in der Tat die ganze Welt die besten öffentlichen Dienste haben, die man sich wünschen könnte, und jegliche Geldmittel zur Verfügung haben, die für die Bekämpfung des Klimawandels benötigt werden. Sprechen wir über den „Dienst an anderen“! Dies wäre der ultimative Dienst.

Einige nützliche Änderungen könnten relativ einfach sein, sofern der Wille da ist, und einige davon sind bereits im Gange. Nehmen Sie den Zug, wenn dies möglich ist: Ernsthaftes Arbeiten ist in der ersten Klasse eines europäischen Zuges wesentlich einfacher – ich weiß das, weil ich 20 Jahre lang den Gold-Status von Air France hatte. Nutzen Sie Flugzeuge nur noch für Überseeflüge. Stellen Sie erschwingliche Grundstücke in Stadtnähe zur Verfügung und räumen Sie Biobauern den Vorrang ein, die gute, gesunde Nahrungsmittel als wöchentliche Gemüsekörbe an Schulen, Krankenhäuser, Firmen und Familien, die sich zusammenschließen, liefern können. Klein ist nicht immer schön, Nähe ist ganz sicher schön.

Endlich Frauen und Männer gleichstellen

Progressive Europäer, welche die Europäische Union und ihre eigenen Länder retten wollen, müssen sich zusammenschließen, denn die meisten transnationalen Unternehmen sind bereits vereint und werden mit Klauen und Zähnen gegen jegliche Änderungen kämpfen, insbesondere gegen Änderungen im Finanzbereich. Ihre einflussreichen Lobbys werden ihnen beitreten. Großartig wäre es, wenn wir gleichzeitig die Lobbys auflösen könnten, sie würden jedoch schlichtweg auf ihr Recht auf „freie Meinungsäußerung“ pochen. Wir können dennoch die Gefahren erklären. Wir können beispielsweise erklären, dass die Subventionen der Europäischen Union für fossile Brennstoffe auf 55 Milliarden Dollar jährlich geschätzt werden. Noch etwas, auf das wir pochen sollten – sie sollten die Regeln des Marktes einhalten, wie alle anderen auch, und weniger zum Klimawandel beitragen. Deutschland muss sich mit Hochdruck auf die Produktion von Elektroautos umstellen und Mittel und Wege der Preisreduzierung finden.

Ein anderes Ergebnis der 30-jährigen neoliberalen Politik ist die stark wachsende Ungleichheit der Einkommensverteilung  zwischen den Bürgern von nahezu allen europäischen Ländern. Den Vermögensschätzungen der deutschen Denkfabrik DIW zufolge mussten 25 Prozent der erwachsenen Deutschen einen tragischen Rückgang ihres Einkommens oder sogar einen Vermögensverlust infolge von Verschuldung hinnehmen. In Österreich kommt ein antifeministischer Faktor hinzu: eine alleinstehende Frau verfügt über 40 Prozent weniger Vermögen als ein alleinstehender Mann. Zwischen 1990 und 2011 sank der Einkommensanteil der ärmsten 20 Prozent der österreichischen Bevölkerung um 47 Prozent, während das oberste Proeznt seinen Anteil am Wohlstand um 16 Prozent erhöhte. Das Leben ist insbesondere für Frauen hart: Sie erhalten für die gleiche Arbeit bedeutend weniger Lohn als Männer und leiden unter einem tragischen Mangel an Kindertagesstätten.

Deutschland muss im 21. Jahrhundert ankommen

Ebenso ist für die Erholung nach der Corona-Krise ein starkes und vereintes Europa unabdingbar. Wichtigstes Thema an diesem Punkt ist ein „gemeinsamer Schuldtitel“, was in Deutschland und Österreich für viele Jahre tabu war. Frau Merkel lehnt dies nach wie vor ab: „Nicht in meiner Zeit“, sie bevorzugt weiterhin Budgetüberschüsse. Der hoch angesehene Ökonom Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln und selbst Rotarier, der vor neun Jahren die gleiche Meinung vertrat, sagt inzwischen: „Wenn wir nicht mit einer ‚Krisenanleihe‘ aufwarten, sehe ich schwarz für die Zukunft der EU.“ Ich hoffe, Deutschland kann an diesem Punkt die Vergangenheit hinter sich lassen und im 21. Jahrhundert ankommen, weil wir ansonsten definitiv zu konkurrierenden Einzelstaaten reduziert werden.

Lassen Sie mich abschließend Folgendes sagen: Wir dürfen eine gute Krise nicht vergeuden. Wenn wir den Klimawandel nicht stoppen, werde ich die Konsequenzen zwar nicht mehr erleben, sie werden jedoch die Corona-Krise wie ein Kinderspiel aussehen lassen, ein kleines bisschen Ärger, mehr nicht. Bei der nächsten Krise mag es einige Überlebende geben, aber wenn wir die Chance jetzt nicht ergreifen, würde ich wetten, dass es mehr Ratten und Kakerlaken als Menschen sein werden.

Danke, liebe Freunde, dass Sie diesen langen Brief gelesen haben, und alles Gute für Sie. Sie sind intelligent, innovativ und ethisch: Mögen Sie auch stark sein.

Mit den besten Wünschen, Dr. Susan George